Fr, 27. Feb 2026
19:00—22:00 Uhr
@Wanne, Deck
27. Februar Eröffnung
19:00 Podiumsgespräch mit Laura Nitsch, Partizan★keArt und SKGAL,
moderiert von Simon Nagy
Laufzeit: 27. Februar – 5. April
„Widerständige Archive sprechen“ bildet den Auftakt des Jahresprogramms 2026.
Das Projekt versammelt unterschiedliche Künstler:innen und Kollektive, die sich mit ungehorsamen, subversiven und aufbegehrenden Archiven auseinandersetzen und auf unterschiedliche Weise fragen, wie die Sprachen widerständiger Vergangenheiten heute wieder hörbar werden können. Wie können wir die Sprache widerständiger Vergangenheiten heute wieder hörbar machen? Fünf künstlerische Positionen cruisen durch Archive, sammeln Kunst von Partisan:innen und treten ins Gespräch mit Gespenstern. Rund ums Flucc und in seinen Räumen finden Erzählungen über alternative Ökonomien, Arbeitskämpfe und feministische Vergemeinschaftungen zusammen und erproben dabei selbst ungehorsame Strategien der Verschränkung von Geschichte und Gegenwart.
mit Beiträgen von:
Karin Berger
Philipp Gufler
Laura Nitsch
Partizan★ke Art (Sabina Ferhadbegović, Goran Lazičić, Brigita Malenica, Elena Messner, Julia Stolba in Kooperation mit Zveza koroških partizanov/Verband der Kärntner Partisan:innen)
SKGAL – Sekretariat für Geister, Archivpolitiken und Lücken (Nina Höchtl und Julia Wieger)
Kuratiert von Simon Nagy
Wie können wir die Sprache widerständiger Vergangenheiten heute wieder hörbar machen?
Fünf künstlerische Positionen cruisen durch Archive, sammeln Kunst von Partisan:innen und treten ins Gespräch mit Gespenstern. Rund ums Flucc und in seinen Räumen finden widerspenstige Begehren, Arbeitskämpfe und feministische Vergemeinschaftungen zusammen und erproben dabei selbst ungehorsame Strategien der Verschränkung von Geschichte und Gegenwart.
Die zwei schwarz-weißen Billboards mit Aufnahmen der Geisterbahn im gegenüberliegenden Vergnügungspark stechen am Praterstern als Erstes ins Auge. Das Sekretariat für Geister, Archivpolitiken und Lücken hat die Bilder aus dem Archiv der Arbeiter-Zeitung zutage gefördert und verbindet sie mit der Clubwelt – einem Raum, in dem Menschen den Grusel selten aufsuchen und ihm doch regelmäßig begegnen. Wie lässt sich mit widerspenstigen Geistern gemeinsame Sache machen, um sich die Nacht zurückzuholen? Um allen Körpern und allen Geschlechtern zu ermöglichen, sich ohne Einschränkungen und Gewalterfahrungen zu bewegen? In der Flucc Wanne leuchten die Gespenster in der Nacht und laden bei einer unterirdischen Geisterbahnfahrt zu ungewohnten Bandenbildungen ein.
Doch noch einmal zurück an die Oberfläche: Auf einem vom Praterstern aus einsehbaren Fernseher laufen rund um die Uhr Videos, die von Akten des organisierten und bewaffneten Widerstands von Frauen erzählen. Das Kollektiv Partizan★ke Art öffnet hierfür seine Videosammlung aus künstlerischen Arbeiten über, mit und von Partisan:innen in Jugoslawien und Kärnten. Gerahmt werden sievon den Recherchen der Gruppe zu Überlappungen von Avantgarde- und Volkskunst, die jene Kultur auszeichnet. Während die anderen Positionen mit und aus Archiven heraus arbeiten, kreist das Partizan★ke-Projekt um die Erstellung eines widerständigen Archivs zu Partisan:innenkunst, die in der österreichischen Erinnerungslandschaft nach wie vor verdrängt und entwertet wird.
Eine Collage von Laura Nitsch führt vom Außenraum in den Bar-Bereich. Sie setzt sich aus Bildern aus Nitschs Film Violett zusammen, der in der Flucc Wanne läuft und von queeren Vagabundinnen in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt – und somit eine Geschichte der Subversion ebenso wie der Verfolgung, die auch in der gern verklärten Episode des Roten Wien nachhallt. Den Satz „And take a look at the future so you can see who I am“ schrieb Karoline Wieser ihrer Geliebten Ludmilla Horwath via Postkarte. In Kombination mit den Fotos tanzender Menschen schlägt er eine Brücke von der Vergangenheit in diejenige Zukunft, die unsere Gegenwart ist – und stellt die Frage, welche widerspenstigen Begehren in ihr fortleben, sei es als eingelöste oder als nach wie vor umkämpfte.
Durch alle Räume des Kulturzentrums und hin zu seiner dem Prater entgegenblickenden Fensterscheibe ziehen sich Zitate von Frauen, die in Österreich Widerstand gegen das NS-Regime geleistet haben. Eine Serie an fotografischen Porträts aus ihrer Jugend sowie aus ihrem nicht minder kämpferischen Alter bildet im Deck des Flucc ein fortlaufendes Band. Karin Berger hat in den 1980er Jahren gemeinsam mit Elisabeth Holzinger, Lotte Podgornik und Lisbeth N. TralloriGespräche mit den widerständigen Frauen geführt, diese verschriftlicht und zum Teil gefilmt. Sie alle fordern geläufige Vorstellungen von Widerstand heraus, zeigen auf, in welchem gegenderten Gewand diese daherkommen, und erweitern unsere Bilder des Widerstehens in unvorhergesehene Richtungen.
Über dem Flucc schließlich weht eine vom Künstler Philipp Gufler gestaltete Fahne, die Sprache auf unmissverständliche Weise in Szene setzt. Lettern, die rund um den rosa Winkel laufen, buchstabieren: „Queer gegen Unterdrückung und Faschismus“. Unter ihrem Credo hallen die diversen Stimmen und Sprechweisen, die Widerständige Archive sprechen versammelt, in den Clubräumen nach. Sie rufen in sie hinein und uns dazu auf, uns auch heute wieder zusammenzutun, unsere ästhetischen, historischen wie politischen Fantasien nicht aufzugeben und gemeinsam gegen die Faschist:innen anzutreten.
Karin Berger ist Regisseurin und Autorin. Seit den frühen 80er Jahren arbeitet sie publizistisch und wissenschaftlich in feministischen und zeitgeschichtlichen Kontexten. Ihr zunehmendes Interesse für Film führt 1984 zum ersten abendfüllenden, in kollektiver Arbeit entstandenen Dokumentarfilm Küchengespräche mit Rebellinnen. Frauen erzählen darin von ihrem Widerstand Frauen gegen das NS-Regime. Ein weiterer Schwerpunkt lag in ihrer Arbeit mit der Romni und Künstlerin Ceija Stojka – drei Bücher und zwei Dokumentarfilme entstanden. Derzeit arbeitet sie an unterschiedlichen Film- und Buchprojekten.
Philipp Gufler verbindet Kunst mit Aktivismus und Geschichtsvermittlung. Im Zentrum seiner künstlerisch forschenden Arbeit steht die Beschäftigung mit queerem Leben und ästhetischen Praktiken von LGBTQIA+-Bewegungen. Dazu bedient er sich popkultureller und literarischer Referenzen und verarbeitet Wissen aus Massenmedien und historischen Archiven in seinen Videoarbeiten, Siebdrucken, Installationen und Performances.
Laura Nitsch beschäftigt sich in ihrer recherchebasierten künstlerischen Praxis mit marginalisierten und widerständigen Narrativen und erforscht die Wechselwirkungen zwischen Begehren und Ökonomie, Arbeit und Freundschaft, Eigentum und Bildung, Klasse und Kollektivität. Besonders interessiert sie sich für queere Produktionspraktiken, Archive der Arbeiterklasse und das kollektive Träumen als Potenzial für eine antikapitalistische Zukunft.
Das internationale Kurationskollektiv Partizan*ke Art, namentlich Elena Messner, Brigita Malenica, Julia Stolba, Sabina Ferhadbegović und Goran Lazičić, arbeitet seit 2024 an einem langfristigen Sammlungs- und Ausstellungsprozesses unter dem Titel Partizan★ke Art. Aesthetics and Practices of Women’s Resistance in Yugoslavia und Carinthia / Die Kunst des weiblichen Widerstands in Jugoslawien und Kärnten / Umetnost ženskega odpora v Jugoslaviji in na Koroškem / Umjetnost ženskoga otpora u Jugoslaviji i u Koruškoj. Die Wanderausstellung wurde und wird in Hamburg, Leipzig, Berlin, München, Klagenfurt/Celovec und Wien gezeigt. Julia Stolba und Elena Messner arbeiten zudem kontinuierlich an einer Video-Collection, die Objekte des Widerstands vermittelt.
Als Sekretariat für Geister, Archivpolitiken und Lücken (SKGAL) verknüpfen Nina Höchtl und Julia Wieger in Ereignisse aus unterschiedlichen Zeiten, Materialien und künstlerische Arbeitsweisen, um Verbindungen mit der Gegenwart herzustellen und nach Mechanismen der Diskriminierung zu fragen. Dazu recherchieren sie in verschiedenen Archiven: dem Archiv der Vereinigung bildender Künstlerinnen* Österreichs, dem Bildarchiv der Arbeiter-Zeitung und dem STICHWORT Archiv der Frauen- & Lesbenbewegung.